Hans-Jürgen Buderer


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Dr. Hans-Jürgen Buderer,
Kunsthistoriker, bis 2015 Direktor Kunst- und Kulturgeschichte der Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim


Eine malerische Exkursion, April 2017

Radikale Reduktion der gestalterischen Mittel und der bildnerischen Formensprache zur Erlangung maximaler ästhetischer Wirkung!

Meine Damen und Herren,

die knappe Formel führt zum Kern des bildnerischen Werkschaffens der Susana Reberdito. Der erste Eindruck der Begegnung mit den Gemälden der Künstlerin evoziert ein bewegtes Farb-Form-Erleben und gibt den Impuls zur Eröffnung eines weiten Feldes subjektiver Assoziationen. Beginnt man aber darüber zu reflektieren, worin sich das begründet, dann macht man die erstaunliche Entdeckung, dass die Künstlerin keinen aufwendigen Formenapparat verwendet, sondern sich streng auf eine prägnante Sprache konzentriert und auch im Einsatz der Farben trotz deren Wirkungsmacht damit durchdacht und reduziert umgeht und auch hier auf Sparsamkeit in ihrem Einsatz setzt.

Lassen Sie mich darauf an einigen ausgewählten Beispielen hier in der Ausstellung näher eingehen.

In dem weiten Bildraum der Arbeit Naranjas, von 2015 ist nichts als eine Schale mit Früchten positioniert, eine geradezu markante Selbstbehauptung einer schlichten, nur mit einer schmalen grafisch angedeuteten Borte geschmückten Schale mit Orangen. Auf weitere Bildobjekte wird verzichtet wie auch auf eine differenzierte Schilderung von Details. Kein ausladendes Früchtestillleben zur Präsentation eines variantenreichen Arrangements exotischer Kostbarkeiten wird uns vorgestellt und wir als die Betrachter sollen uns auch nicht in einem weitreichenden symbolischen Deutungshorizont ergehen. Eine den Stillleben so häufig eigene Absicht zur mahnenden Vergegenwärtigung der Kurzlebigkeit und Vergänglichkeit des Schönen fehlt. Susana Reberdito führt unseren Blick auf eine prägnante Form, die noch nicht einmal raffiniert modifiziert wird, um ihren Variantenreichtum sichtbar zu machen, sondern allein als Träger von Farbe und ihrer optischen Wirkung fungiert.

Und wieder geht es um die Gesetzmäßigkeit von Erlebensreichtum auf der einen trotz der Reduktion auf der anderen Seite. Die Farbe, mit der die Form sich malerisch im Bild behauptet, zielt nicht auf die Entwicklung einer differenzierten Binnenstruktur der Oberflächen der Früchte. Sie beabsichtigt nicht die illusionäre Vergegenwärtigung der porösen Struktur der Schale oder ihrer farbigen Modulation von Hell nach Dunkel, um unterschiedliche Reifegrade dieser Früchte zu suggerieren. Schon gar nicht geht es um die optische Evokation ihrer Körperhaftigkeit. Die einzige Absicht der Susana Reberdito ist die bildnerische Gegenwart der Farbe in der Absicht, ihre Farbtonalität zu einem optischen Spiel zu modulieren und – nicht weniger entscheidend - ihre emotionale Wirkung zur Geltung zu bringen.

Das Rot eines Teils der Früchte steht in Korrespondenz zu dem Orange anderer und dazwischen vermittelt das leichte Rosa weiterer Früchte. Das Gelb des Hintergrundes dynamisiert dieses Spiel. Dabei geht es nicht nur um eine weitere ästhetische Farbkomponente, sondern auch darum, damit ein subjektiv emotionales Spiel mit ihrer atmosphärischen Wirkung zu initiieren.

Die mit der Reduzierung der Formsprache erreichte Intensivierung der Farbe dient als Auslöser einer Stimmung. In diesen Früchten kommen mit dem ästhetischen Erleben der abstrakten Formsprache und der Betonung der Farbe das Licht und die Wärme Spaniens, der Heimat der Susana Reberdito zum Klingen. Das Stillleben zielt auf die Evokation von Stimmungsmomenten, die den Betrachter auf eine ganz subjektive assoziative Ebene seiner Interpretation tragen wollen, sei es, dass wir ganz allgemein den Traum von der mediterranen Lebenswelt in uns initiieren oder unseren ganz persönlichen individuellen Erinnerungen nachspüren, die wir mit der Farblichtatmosphäre dieses Stilllebens verbinden.

Auch dort, wo die Bilderzählung um wenige Elemente erweitert wird, mit einem Glas, mit einer Blume, mit einer oder zwei Flaschen, erfüllt sich diese angesprochene Gesetzmäßigkeit. Auch die vorsichtige Erweiterung durch einige Elemente verändert nicht das bildnerische Grundanliegen der Susana Reberdito: auch hier bleibt eine reduzierte, sparsame, auf Details verzichtende Formensprache erkennbar, die als Medium der Farbe verstanden wird, deren Aufgabe darin besteht, dem Betrachter assoziative Impulse zu geben. So erleben wir das Rot und das Gelb in dem Gemälde Bodegón y Vista al Mar von 2012 als Licht und Wärme und das Blau bildet die emotional-assoziative Brücke zum dem das alles dominierende Erleben des Meeres.

Zwei Landschaften Varadero I, Varadero II, machen das noch einmal deutlich. In den Modulationen des Blau spiegeln sich Strand und Wasser ebenso wie der Himmel und das die Atmosphäre dieser Landschaft bestimmende Licht.

Meine Damen und Herrn,

ich habe versucht, die einleitend formulierte Polarität von optischem Erlebnisreichtum auf der einen und Reduktion der bildnerischen Mittel auf der anderen Seite an der Beschreibung einiger Bildbeispiele hier in der Ausstellung zu verdeutlichen. Die Betonung der emotionalen Komponente der Farbe war mir dabei ein besonderes Anliegen. Erkennt man nun diese Bedeutung der Farbe für die ästhetische Rezeption, dann stellen neue Arbeiten der Susana Reberdito die Betrachtung vor eine geradezu verblüffend provokative Herausforderung. In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von Stillleben entstanden, in denen die Künstlerin alleine auf die Farbe Weiß setzt – eines der Gemälde Incoloro 10 von 2015 kommt hier zur Präsentation. Erlauben Sie mir dazu abschließend eine kurze Anmerkung, die auch die Zeichnungen tangiert.

Man wird zunächst das in dem Gemälden implizierte grafische Moment ansprechen müssen. Mit der geradezu reliefartigen Wirkung der mit dem Pinselstil in den Farbgrund eingekratzten Linienspur gelingt Susana Reberdito gewissermaßen der Transfer der Grafik und ihrer gestalterischen Effekte in die Malerei.

Zunächst erkennen wir, dass der Rand des Bildes farbig gefasst ist und wir meinen ganz deutlich die Absicht zu spüren, damit das neutrale monochrome Bildfeld als Zentrum zu verdichten. In dem so definierten Raum sucht Susana Reberdito dann mit hohem sensiblen Geschick, der körperlosen Figuration eine Größe sowie eine Position zu geben, die diese allein auf die Linie zurückgeführte Form zu einer ästhetisch klaren und optisch dominanten Geltung bringt. Das sind Gestaltungsmomente, die in besonderer Weise die Zeichnungen charakterisieren. Das Arrangement dieser Stillleben aus Vase und Blumen beabsichtigt nicht, eine vorgegebene Wirklichkeit abzubilden. Es folgt nicht der Wirklichkeit eines Blumenstraußes in einer Vase, sondern es ergibt sich allein aus der kompositorischen Notwendigkeit, die Elemente auf der Fläche so zu verteilen, dass sie in eine ästhetisch harmonische Balance zueinanderkommen, die die Bildfläche optisch rhythmisiert.

Dabei kommt ein zweites gestalterisches Moment der Grafik im Unterschied zur Malerei zur bildnerischen Wirkung. Ein farbiger Zug mit dem Pinsel ist eher von Bedacht bestimmt - die grafische Linie steht dem als von spontanen Bewegungen charakterisiert gegenüber. Ihr Auf und Ab suggeriert eine nicht von Überlegung und Planung geleitete Spurensuche bei der Bildfindung, sondern wird von spielerischer Unmittelbarkeit geprägt. Genau das charakterisiert das geradezu heiter bewegte Kompositionsgefüge der Zeichnungen. Doch auch in dem monochromen Gemälde Incoloro 10 klingt das an, einmal in dem fast flüchtig hingeworfenen Ornament, das den Rand der Schale schmückt, besonders aber in den geradezu lässigen Überschneidungen der Konturen der einzelnen Früchte, die so wie durchsichtig erscheinen und sie ganz wirklichkeitsfern rhythmisieren.

Immer wieder wird erkennbar, dass es in den Werken nicht um die Abbildung der Wirklichkeit geht. Viel mehr beabsichtigt Susana Reberdito ein bildnerisches Konstrukt zu schaffen, das den Betrachter ob der Vielfalt, die mit so wenigen gestalterischen Mitteln erreicht wird, immer wieder verblüfft und zugleich zu einem reichen Spektrum ganz individueller und subjektiver Erfahrungen unserer Welt einlädt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Atelier und Künstler 2016, April 2016

Die konzeptionelle Haltung der Susana Reberdito wird man als eine auf Farbe und Form gründende atmosphärische Verdichtung figurativer Gestaltung beschreiben können, die die Positionen vom Bild als Abbild der Wirklichkeit einerseits und der Abstraktion der Sprache der Gestaltung andererseits zu einer überzeugenden Synthese bringt. In Schalen arrangierte Früchte auf angedeuteten Tischflächen, Flaschen mit Weinresten aber auch als Vasen zum Halten von Ästen und langstieligen Blumen begründen den Vergleich ihrer Malerei mit der Gattung des Stilllebens. Doch der deutliche Verzicht auf mimetische Treue und die Betonung abstrahierender Momente belegen unmissverständlich die Absicht, die Mittel der Gestaltung zur Geltung zu bringen. Dabei gelingt es der Künstlerin für die Deutung der Bilderscheinungen die Eigensprachlichkeit der Farbe ebenso zu nutzen wie ihren radikalen Verzicht.

Auffällig ist zunächst die Behauptung der Form im Bildraum. Nur die Andeutung der Frucht, die als einfacher Kreis für eine Orange oder Zitrone oder die leichte Krümmung für eine Banane ohne irgendeine Schilderung typischer Details ausgeführt wird, genügt, um sie zu vergegenwärtigen. Auch auf eine Verdeutlichung ihrer Körperhaftigkeit wird verzichtet. Die Früchte breiten sich als Flächen aus und so wenig die deutlich gesetzte Kontur sich an spezifischen Merkmalen orientiert, so wenig wird die Binnenstruktur der Farbflächen zu einer Differenzierung genutzt. Die Farbe behauptet sich als eine dichte und kompakte Fläche ohne modellierende und ohne modulierende Absichten. Ein differenziertes Abbilden wirklicher Früchte als Bildvorlage ist nicht beabsichtigt.

Dabei nimmt die Farbe einen zweifachen Bezug zur Wirklichkeit als der Grundlage unserer Deutung der Bilder auf. Zunächst wird man recht lapidar die Begründung für eine Farbe als einen beabsichtigten Verweis auf die jeweilige Vorgabe erklären können. Wesentlicher aber ist die mit der Farbe geleistet Vermittlung einer speziellen Atmosphäre und Stimmung. Zu Recht beginnen die Beschreibungen der Bilder der Susana Reberdito mit dem Hinweis auf die spanische Heimat der Künstlerin und der Beobachtung, wie es ihr gelingt, den Betrachter im wahrsten Sinne des Wortes am Licht und damit auch an der Wärme und der Lebenswelt ihrer Heimat teilhaben zu lassen. Die Reduktion und Abstraktion der Formensprache sowie die Wirkungsdominanz der Farbe erweisen sich so als absichtsvolle Mittel, die Betrachtung auf jene Ebene zu führen, auf der sich mit der vermittelten Stimmung der assoziative Spielraum eröffnet, auf dem sich die Vorstellungen des Betrachters von der mediterranen Lebenswelt erfüllen.

Vergegenwärtigt man sich das, so wird deutlich, wie radikal der Verzicht auf Farbe ist, der die neusten Arbeiten bestimmt. Nach wie vor spielt die Künstlerin dabei mit unseren gängigen Erinnerungsmustern einer mediterranen Lebenswelt – Keramik, Keramikdekor und Südfrüchte. Doch mit dem Verzicht auf die Farbe als dem Stimmungsträger unserer Assoziation verschiebt sich das Medium der Aussage auf ein gestalterisches Minimum, eine zeichenhaft gesetzte Form im Bildraum, die sich mit wenigen bewegt gesetzten Linienspuren überzeugend behauptet. Bleibt die Ausbildung der Form auch auf eine einfache in den weißen Farbgrund gekratzte Linienspur beschränkt, so gelingt es Susana Reberdito doch mit diesem Minimum an gestalterischen Sprachmitteln ein Maximum der Formausprägung zu erreichen, die sich nicht nur geradezu körperhaft im Bildraum ausprägt und ihn besetzt, sondern sich als Abbild einer assoziationsreichen Wirklichkeit behauptet.